Berichterstattung der Schwäbischen Zeitung Ehingen (28.07.2012) über das Sozialpraktikum „Compassion“

Schüler bekommen einen Preis überreicht für ihr Sozialpraktikum.

Schüler erweitern ihren Horizont

Eingangsklasse am Obermarchtaler Studienkolleg absolviert Sozialpraktikum „Compassion“

Von Melanie Maunz

OBERMARCHTAL – Am Anfang war es für Annika schwer. „Was tut mir bloß die Schule an?“, dachte sich die junge Frau mit den langen braunen Haaren. Aber das legte sich schnell: „Am Schluss habe ich alle sehr lieb gewonnen“, sagt sie. Annika half zwei Wochen lang als Praktikantin im Seniorenheim in Munderkingen mit, kümmerte sich um die Bewohner, half ihnen beim Essen, sprach oder spielte mit ihnen. War der Umgang mit den Senioren am Anfang schwer, legte sich die Scheu bald und die Schülerin näherte sich den Bewohnern rasch an.

„Compassion“ Mitgefühl – so heißt das Sozialpraktikum, das jeder Schüler der Eingangsklasse am Obermarchtaler Studienkolleg absolviert. Für dieses Projekt gewannen die Obermarchtaler vor wenigen Wochen sogar den Schulpreis des Rotary Clubs Ehingen/Alb-Donau (wir berichteten). „Es geht darum, dass wir die Schüler ermutigen möchten, dorthin zu gehen, wo sie sonst nicht hingehen“, sagt Lehrerin Britta Frede-Wenger, die das Projekt betreut. Also in Seniorenheime, Behindertenwerkstätten, Obdachlosenheime oder auch ins Krankenhaus.

Dort war zum Beispiel Sebastian. „Das war schon mal was anders“, sagt der junge Mann. Dabei machen die Schüler nämlich auch Erfahrungen, die nicht leicht sind. So hat Sebastian an einem Tag am Bett eines Patienten gesessen und sich mit ihm unterhalten und am nächsten Tag war das Bett leer. „In der Nacht war der Patient verstorben“, sagt Sebastian. „Das war schon hart.“ Auch Julia hat diese Erfahrung gemacht, sie war mit Annika im Altersheim. An einem Tag hat sie noch mit einer Bewohnerin über deren Familie geredet, am nächsten Tag war die Seniorin verstorben.

Schüler lernen Offenheit

Es geht bei dem Sozialpraktikum aber nicht darum, besonders harte Erfahrungen zu machen. Vielmehr sollen die Schüler lernen, „wie man mit offenen Augen durch die Welt geht“, betont Lehrerin Frede-Wenger. Wie man mit Menschen, die anders sind als man selbst, unbefangen umgeht, oder auch im Zeitalter der Globalisierung Empathie und Mitgefühl zeigt.

Etwas befangen war zum Beispiel auch Laura. Die 17-jährige suchte sich die Schmiechtalschule in Ehingen für ihr Sozialpraktikum aus und begleitete dort eine Klasse. „Am Anfang wusste ich nicht, wie die Schüler auf mich reagieren“, sagt Laura. „Schließlich sind dort einige älter als ich.“ Das war für die Schmiechtalschüler aber überhaupt kein Thema. „Die haben sich alle gleich vorgestellt und mir in den zwei Wochen ihr ganzes Leben erzählt“, sagt Laura schmunzelnd. Mit der Klasse hat sie bei der Stadtputzete in Ehingen mitgemacht, Spaziergänge unternommen, im Werkraum gebastelt oder Memory gespielt.

Ähnlich erging es Lena und Hanna: Die beiden jungen Damen absolvierten das Praktikum in einer Einrichtung für geistig- und körperlich behinderte Jugendliche in Ingerkingen. „Am Anfang war ich etwas überrumpelt, als die Kinder auf mich zugerannt sind“, gesteht Lena. „Doch dann habe ich es genossen, wenn mich die Kinder so stürmisch begrüßt haben.“

Ihrer Freundin Hanna imponierte vor allem, dass sich die Schüler in der Ingerkinger Einrichtung so ehrlich über Kleinigkeiten freuen konnten: „Wir waren einmal bei der Firma Liebherr eingeladen“, erzählt sie. „Am Schluss haben alle eine Liebherr-Mütze geschenkt bekommen. Die haben sich darüber so gefreut, einer der Schüler hat jeden Tag diese Mütze getragen.“ Von den Obermarchtaler Schülern, die die zwei Wochen im Praktikum in der Behindertenarbeit absolvierten, höre man oft den Satz „Von diesen Menschen können wir viel lernen“, berichtet Lehrerin Freda-Wenger.

Auswertung zum Abschluss

Natürlich müssen die Studienkolleg-Schüler ein Praktikumsheft anfertigen, in dem sie über ihre Arbeit berichten. Außerdem werden die Erlebnisse bei einem Auswertungstag diskutiert. „Die Erfahrungen kann man aber eigentlich nicht mit Noten bewerten“, sagt Britta Frede-Wenger. Aber weil es dennoch unumgänglich ist, dass Noten verteilt werden, bekommen die Schüler durchweg gute Beurteilungen. Und schließlich sind da die Erlebnisse, die die Elftklässler nicht missen möchten. „Es fühlt sich schon gut an“, sagt Annika, „wenn eine demente Person, die normalerweise alle vergisst, dich am nächsten Tag wieder erkennt.“